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Mag. Gerhard Paulinger, BSc
Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf das Leben der Menschen und im Speziellen auch das Leben der älteren Bevölkerung waren und sind erheblich. Nicht zuletzt die Zahl der an oder mit Covid-19 verstorbenen Menschen zeigt, wie sehr sich die Pandemie seit ihrem Beginn 2020 auf das Leben (und das Sterben) ausgewirkt hat. Für die Prognose des Pflegebedarfs, die Anzahl der Pflegebetten und der im Pflegebereich benötigten Fachkräfte stellt sich die Frage, ob sich diese kurzfristigen Folgen der Covid-19 Pandemie, die erhöhte Sterblichkeit und die verringerte Lebenserwartung auch mittel- und langfristig auf die demografische Entwicklung auswirken werden.
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die langfristige demografische Entwicklung und den zukünftigen Pflegebedarf werden dabei im Vergleich mit der Wirkung des demografischen Wandels als eher gering eingeschätzt, z.B. im Bericht des schweizerischen Gesundheitsobservatoriums OBSAN zum Bedarf an Alters- und Langzeitpflege (vgl. Pellegrini et al. 2022, S. 64ff), allerdings mit dem Verweis auf die Tatsache, dass derartige Aussagen bis zum Ende der Pandemie nur vage bleiben müssen und die tatsächlichen Auswirkungen erst danach beurteilt werden können.
In der aktuellen Bevölkerungsprognose der Österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK), werden die Auswirkungen der Corona-Pandemie noch nicht berücksichtigt (vgl. Hanika 2022, S. 3). Im folgenden Beitrag soll der Versuch unternommen werden, die mittelfristigen Auswirkungen der Coronapandemie auf die Entwicklung der Bevölkerungszahlen zum aktuellen Stand abzuschätzen und eine entsprechende erste vorsichtige Korrektur der aktuellen Bevölkerungsprognose, speziell für die hochaltrige Bevölkerung im Alter ab 80 Jahren vorzunehmen. Damit soll es möglich werden, die Auswirkungen der Pandemie in Relation zum gesamten demografischen Geschehen einzuschätzen. Die Prognose bleibt im Vergleich zur Bevölkerungsprognose auf möglichst einfachem methodischen Niveau und schätzt die Entwicklung der Anzahl der Bevölkerung im Alter von 80+ auf Basis der entsprechenden alterspezifischen Übersterblichkeit, aber noch ohne Berücksichtigung der erhöhten Sterblichkeiten der nachfolgenden jüngeren Jahrgänge.
Die Schritte dieser Schätzung sind:
Für die Schätzung der kurzfristigen Effekte wird hier vorerst ausschließlich die Sterblichkeit der hochaltrigen Bevölkerung 80+ berücksichtigt. Für die Verfeinerung der Korrektur und die Verlängerung des Prognosezeitraums sind zu einem späteren Zeitpunkt auch die Sterblichkeiten der jüngeren Jahrgänge, im Alter von 70+ und 60+ zu berücksichtigen.
Für die Analyse werden Daten der offiziellen Statistik, aus dem Open Data Angebot der Statistik Austria verwendet, darunter die Datentabelle Gestorbene in Österreich (ohne Auslandssterbefälle) ab 2000 nach Kalenderwoche und 5-Jahresgruppen und zur Berechnung der altersspezifischen Sterberaten die Datentabelle Bevölkerung zum Jahresanfang 1952 bis 2101
Die Bevölkerungsentwicklung in Österreich ist seit Ende der 1980er Jahre durch einen stetigen Anstieg der Bevölkerungszahlen gekennzeichnet. Die Bevölkerungszahl stieg von 7.576.319 im Jahr 1988 auf 8.932.664 zu Jahresbeginn 2021, dies entspricht einem Wachstum von rund 17.9% innerhalb von 33 Jahren. Für die kommenden Jahre bis zum Jahr 2100 wird die Fortsetzung dieses Trends prognostiziert und ein Erreichen der 10 Millionen-Marke etwa um das Jahr 2090.
Die für Österreich betrachtete Bevölkerungsentwicklung lässt sich mit Unterschieden und zeitlichen Verschiebungen auch in den einzelnen Bundesländern erkennen, wobei das stetige Wachstum in einigen Bundesländern, v.a. in Westösterreich bereits zu einem früheren Zeitpunkt begonnen hat und für die Zukunft nur für Kärnten von einer Abnahme der Bevölkerungszahl ausgegangen wird, während für alle anderen Bundesländer ein Bevölkerungswachstum prognostiziert wird.
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Die Grafiken sind interaktiv und zeigen bei Berührung der Datenpunkte die genauen Zahlen und weitere Informationen.
Die Bevölkerung wird in den nächsten Jahren nicht nur wachsen, sondern Sie wird sich im strukturellen Wandel auch entscheidend in Ihrer Zusammensetzung verändern. Bei der Betrachtung der vergangenen und prognostizierten Bevölkerungsentwicklung zeigt sich 1) klar die steigende Tendenz des Anteils der Personengruppe von 50 bis 64 Jahren, der mit rund 2 Mio. (= 22 % der Bevölkerung) aktuell einen Höchststand aufweist, 2) der bevorstehende starke Anstieg (ca. + 40 %) der 65 bis 79-jährigen Bevölkerung bis etwa 2040 und vor allem 3) der stetige Anstieg der hochaltrigen Bevölkerung ab 80 Jahren, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung sich bis 2050 von knapp 500.000 (ca. 5,6 % der Bevölkerung) auf mehr als 1 Mio. (= 11 %) verdoppeln wird.
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Für die Bevölkerungsentwicklung in Niederösterreich liegen die Ergebnisse der kleinräumigen Bevölkerungsprognose der ÖROK und Statistik Austria vor. Die kleinräumige Prognose für Niederösterreich wurde getrennt für 28 Prognoseregionen gerechnet - die Ergebnisse werden in der folgenden interaktiven Grafik dargestellt, per Mausklick können einzelne Regionen ausgewählt und verglichen werden.
Die Tendenz der Steigerung des Anteils der älteren und hochaltrigen Bevölkerung zeigt sich für alle Prognoseregionen, wobei diese Entwicklung in Regionen/Bezirken wie Zwettl, Gmünd, Waidhofen an der Thaya und Waidhofen an der Ybbs durch die im selben Zeitraum erfolgendene Verringerung des Anteils der jüngeren Bevölkerungsgruppen besonders hervortritt. In Prognoseregionen/Bezirken wie Bruck an der Leitha, Gänserndorf-Großenzersdorf-Marchegg und Wiener Neustadt fällt diese Entwicklung durch die Stabilität des Anteils der jüngeren Altersgruppen weniger stark aus.
Die folgende Grafik ist interaktiv: Sie können Prognoseregionen auswählen und erhalten bei Berührung der Datenpunkte die genauen Zahlen und Anteile.
Mit der Bevölkerungszahl steigen auch die Sterbezahlen, also die Anzahl der Menschen in der Bevölkerung, die innerhalb eines Jahres sterben, wobei sich auch hier ein Wandel abzeichnet: Das Sterbealter und damit die Lebenserwartung steigt über die Zeit an. Steigende Sterbezahlen sind aber schon aufgrund der steigenden Bevölkerungszahlen zu erwarten, Übersterblichkeit ist dann gegeben, wenn die jährliche Sterbezahl, über das erwartete Ausmaß hinausgeht. Für die Berechnung der erwarteten Sterbezahlen eines Jahres gibt es unterschiedliche Berechnungsmethoden. Hier werden die erwarteten Sterbezahlen mittels linearem Regressionsmodell aus der Bevölkerungszahl errechnet, ohne Berücksichtigung der sich über die Zeit verändernden Alterszusammensetzung der Bevölkerung. Die erwartete und die tatsächliche Sterbezahl werden gemeinsam im Zeitverlauf dargestellt (rot = erwartete Anzahl, schwarz = tatsächliche Zahl) und die Differenz (= Über- oder Untersterblichkeit) farblich gekennzeichnet.
Die folgende Grafik zeigt die Übersterblichkeit für die Gesamtbevölkerung, unabhängig vom Alter. Die Übersterblichkeit beträgt für 2020 und 2021 jeweils rund 9 % - in Summe sind in diesen beiden Jahren 15.289 mehr Menschen verstorben als auf Basis der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung zu erwarten gewesen wäre. In Niederösterreich fiel die Übersterblichkeit 2020 geringer-, aber 2021 höher aus als für die gesamte österreichische Bevölkerung (2020: + 6,8%, 2021: + 12,2 %) - insgesamt sind in den beiden Jahren etwa 3.259 Menschen mehr verstorben als erwartet.
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Für die Einschätzung des zukünftigen Pflegebedarfs ist speziell die Gruppe der aktuell hochaltrigen Personen über 80 Jahre von Interesse, sowie auch jene jüngeren Altersgruppen, die im gewünschten Prognosezeitraum dieses Alter erreichen. Für die kurzfristige Prognose der Auswirkungen von Corona auf die Bevölkerungszahl wird hier die spezifische Übersterblichkeit für die Altersgruppe 80+ berechnet. (Anm. als Erweiterung dieser Analyse und des Prognosezeitraums könnten Übersterblichkeit für mehrere oder alle zur Verfügung stehenden Altersgruppen berechnet und anschließend verknüpft werden, dabei würde die Übersterblichkeit als Differenz zwischen den erwarteten und den tatsächlichen Sterbezahlen für jede einzelne Altersgruppe geschätzt und von den altersspezifischen Zahlen der Bevölkerungsprognose abgezogen. Wir beschränken uns hier auf die Gruppe der ab 80-Jährigen.)
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Für die Schätzung der Auswirkungen der Übersterblichkeit 2020 und 2021 auf die Bevölkerungszahlen der kommenden Jahre wurde die Übersterblichkeit für die Jahre 2020 und 2021 als Differenz zwischen den tatsächlichen und den erwarteten Sterbezahlen berechnet und von den Bevölkerungszahlen subtrahiert. (Anm. Da die Bevölkerungszahlen für den Jahresanfang angegeben sind, wird die ermittelte Übersterblichkeit 2020 von der Bevölkerungszahl zu Beginn 2021 abgezogen, die Übersterblichkeit 2021 entsprechend von der Bevölkerungszahl zu Beginn 2022.)
Für den Effekt der Übersterblichkeit der beiden Jahre auf die Bevölkerungszahlen wird die Annahme getroffen, dass die Auswirkungen der Übersterblichkeit auf die Bevölkerungszahl der 80+-Jährigen durch das Nachfolgen und Auffüllen der Altersgruppe 80+ aus den jüngeren Altersgruppen jedes Jahr abnimmt - hier unter der Annahme, dass die jüngeren Jahrgänge nicht/in geringerem Maße von Übersterblichkeit betroffen sind und die Jahrgänge unvermindert nachrücken (Anm. Zur Lockerung dieser Annahme wäre die Übersterblichkeit entsprechend auch für diese jüngeren Jahrgänge zu berechnen und für den Zeitverlauf zu berücksichtigen.) Im nächsten Schritt wird daher das Nachlassen des Effektes über die Zeit modelliert, wobei angenommen wird, dass der der Effekt linear abnimmt und nach einer vorgegebenen Zeit 0 erreicht, also keinen Einfluss mehr hat.
Für die Prognose bedeutet dies, dass die von der Bevölkerungsprognose ab dem Jahr 2021 subtrahierten geschätzten Übersterblichkeitszahlen mit jedem Jahr geringer werden. Durch die schrittweise, jährliche Verringerung des Effekts über die Zeit nähert sich die adjustierte Prognose an die Bevölkerungsprognose (der Statistik Austria) an und erreicht diese nach einer vorgegebenen Anzahl von \(y\) Jahren. Diese Annahme eines abnehmenden Effekts scheint vor dem Hintergrund der nachfolgenden, von der erhöhten Sterblichkeit durch Corona nicht oder in geringerem Maße betroffenen Geburtsjahrgänge plausibel. Für \(y\) kann die verbleibende Lebenserwartung bis zu einem fiktiven Maximalalter, hier 100 Jahre, eingesetzt werden, bis zu dem der größte Teil der Personen der Altersgruppe 80+ verstorben ist und durch die nachrückenden Personen aus den jüngeren Altersgruppen ersetzt wurden (Anm. So kann die Berechnung auch an die unterschiedliche verbleibende Lebenserwartung bei Differenzierung in Altersgruppen angepasst werden.). Für die Gruppe der 80+ Jährigen wird das fiktive Maximalalter von 100 Jahren nach 20 oder weniger Jahren erreicht.
Die folgende Grafik zeigt den Verlauf der Bevölkerungsprognose für Österreich bzw. Niederösterreich. Es zeigt sich dabei, dass die Übersterblichkeit der hochaltrigen Bevölkerung (80+) in Österreich von rund 6.800 Personen in den Jahren 2020 und 2021 etwa 1,4% der gleichaltrigen Bevölkerung ausmacht. Bei einer Annahme des Anteils der pflegebedürftigen Bevölkerung in dieser Altersgruppe von 10% beträgt die durch zu erwartende kurzfristige Reduktion des Bedarfs an Pflege für das Jahr 2022 etwa 680 Personen, mit der Annahme, dass diese Zahl über die nächsten Jahre sinkt. Für Niederösterreich mit einer Übersterblichkeit für 2020 und 2021 von in Summe 1.149 Personen liegt die kurzfristige Reduktion des Pflegebedarfs durch diese Todesfälle bei ca. 115 Personen.
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Die individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie waren und sind weitreichend. Die Corona Pandemie brachte eine im Vergleich zu den Vorjahren weit erhöhte Übersterblichkeit mit sich. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist die Wirkung dieser tausenden vorzeitig an oder mit Corona Verstorbenen auf die Bevölkerungszahlen und auch speziell die Anzahl auf die bei der Planung der Pflegeressourcen besonders relevanten hochaltrigen Bevölkerung jedoch vergleichsweise gering und wird durch den zu erwartenden Anstieg der Anzahl von Personen in dieser Altersgruppe überlagert.