Hochaltrigkeit als Lebensphase

Autor:innen

Karoline Bohrn BA MA MA

Rebekka Rohner BA MA

Mag. Gerhard Paulinger, BSc

Das Kompetenzzentrum für Gerontologie und Gesundheitsforschung hat im Rahmen des Projekts „Aktiv ins hohe Alter“ im Auftrag des Land Niederösterreich Aktivitäts- und Unterstützungsangebote für hochaltrige Personen (80+) gesucht und erforscht. In diesem Kontext wurde unter anderem eine sekundärstatistische Analyse zu der Bevölkerungsstruktur und Aktivitätsmustern hochaltriger Personen auf Basis von Daten der Statistik Austria, des SHARE Surveys und des Gesundheitsbarometers NÖ (2019) ausgewertet. Der Bericht ist auf Nachfrage beim Kompetenzzentrum für Gerontologie verfügbar. Im Folgenden wird den Fragen nachgegangen, wie gestaltet sich die Hochaltrigkeit in Niederösterreich und welchen Aktivitäten gehen hochaltrige Menschen in ihrem Alltag nach?

Wissenschaftlich wird der Begriff der Hochaltrigkeit unterschiedlich definiert. Die kalendarische Definition bezeichnet dabei Personen ab 80 Jahren. Demographisch werden all jene Personen zur Lebensphase der Hochaltrigkeit gezählt, die die aktuelle durchschnittliche Lebenserwartung überschritten haben. In vielen sozialen Definitionen wird von Hochaltrigkeit gesprochen, wenn vermehrt gesundheitliche Einschränkungen auftreten oder Unterstützungs- und Pflegebedarf notwendig ist (Bubolz-Lutz, 2000). Um die Lebensphase der Hochaltrigkeit zu beschreiben, hat sich in der gerontologischen Forschung besonders der Begriff des vierten Alters etabliert. Das vierte Alter ist im Gegensatz zum dritten Alter durch zunehmende Abhängigkeit, Passivität und Einschränkungen im Alltag definiert (Gilleard & Higgs, 2010).

Hochaltrigkeit in Zahlen

In den nächsten Abschnitten finden sich Informationen dazu, in welchen Bezirken und Gemeinden in Niederösterreich besonders viele Hochaltrige Personen leben, wie sich das Durchschnittalter der Gemeinden gestaltet und wie es mit der Inanspruchnahme von Pflegegeld und mobiler und stationärer Pflege und Betreuung aussieht.

Wo leben hochaltrige Personen in Niederösterreich?

Abbildung 1 zeigt den bestehenden Anteil der ab 80-Jährigen in den niederösterreichischen Bezirken und Gemeinden zu Jahresbeginn 2022. Erkennbar ist, dass der Anteil der hochaltrigen Bevölkerung im Wald-, südlichen Most- und Industrieviertel höher ist, als in anderen Teilen Niederösterreichs (je dunkler, desto höher der Anteil).

Abbildung 1: Anteil der hochaltrigen Bevölkerung in Niederösterreich

Bezirke

Gemeinden

Ein genauerer Blick auf das Durchschnittsalter der niederösterreichischen Gemeinden zeigt die divergierenden Anteile von hochaltrigen Personen. Während das Durchschnittsalter der „jüngsten” Gemeinde in Niederösterreich im Jahr 2022 bei 38,0 Jahren liegt (Mitterndorf an der Fischa), so liegt jenes der „ältesten” Gemeinde (Semmering) bei 53,2 Jahren. Die Differenz beträgt dabei 15,2 Jahre zwischen diesen beiden Gemeinden. Das Durchschnittsalter aller niederösterreichischen Gemeinden gemeinsam liegt 2022 bei 44,5 Jahren (Statistik Austria, 2022). Tabelle 1 zeigt eine Übersicht über den Anteil der Personen je Altersgruppe und Durchschnittsalter nach Gemeinde.

Tabelle 1: Altersstruktur der niederösterreichischen Gemeinden (Statistik Austria STATcube - Stand 1.1.2022)

Wie entwickelt sich der Anteil von hochaltrigen Personen (80+) bis 2040?

Abbildung 2 zeigt die prognostizierte Entwicklung des Anteils der hochaltrigen Bevölkerung bis 2040. Der Anteil an Über-80 Jährigen an der Bezirksbevölkerung bleibt und wird auch bis 2040 ansteigen. Trotz des hohen relativen Anteils von 80+ im Waldviertel ist die absolute Anzahl an 80+ ist besonders in den bevölkerungsreichen Bezirken um Wien hoch (z.B. Mödling mit knapp 11.500 prognostizierten Personen im Alter 80+).

Abbildung 2: Prognostizierte Entwicklung des Anteils der hochaltrigen Bevölkerung von 2022 bis 2040

Ist die Hochaltrigkeit eine Lebensphase der Pflegebedürftigkeit?

Vielfach wird mit Hochaltrigkeit eine Pflegebedürftigkeit, Krankheit und Passivität verbunden. Dies ist allerdings nur für einen Teil der Altersgruppe Lebensrealität, denn der Großteil der Personen im hohen Alter lebt im eigenen Haushalt, weist keinen Pflegebedarf auf und kann den Alltag selbstständig bewerkstelligen. Anfang des Jahres 2021 lebten in Niederösterreich 104.340 über 80-Jährige, wovon 49.837 Personen Pflegegeld bezogen haben. Dies entspricht 48% der über 80-jährigen Niederösterreicher:innen. Insgesamt wurden 6% der über 80-Jährigen stationär in Pflege- und Betreuungszentren 1 gepflegt. Weitere 11% der über 80-Jährigen erhielten eine sogenannte mobile Pflege und Betreuung. Darunter fallen diverse Leistungen von Hauskrankenpflege über sozialen Alltagsbegleitung bis zu therapeutischen Hilfen, welche die betreute Person zuhause aufsuchen.

1 Der Anteil an Personen, die derzeit im Betreuten Wohnen leben, ist in Niederösterreich noch nicht öffentlich zugänglich, die existierenden Einrichtungen können allerdings hier eingesehen werden.

Tabelle 2: Pflegegeldbezug und Inanspruchnahme von Pflegeformen der hochaltrigen Niederösterreicher:innen
Anzahl Personen 80+ Prozent Anzahl Personen 85+ Prozent
Gesamtzahl in NÖ (1.1.2022) 108.623 100% 45.470 100%
Pflegegeld (31.12.2021) 47.193 43%
Mobile Pflege- und Betreuung (31.12.2021) 7.441 16%
Stationäre Pflege und Betreuung (31.12.2021) 4.066 9%
Datenquellen: Gesamtzahl (Statistik Austria, 2024) und BMSGPK: Österreichischer Pflegevorsorgebericht 2021

Die defizitorientierte Sicht auf das hohe Alter führt dazu, dass Pflege und Passivität überbetont werden und oftmals die Chancen und Potenziale dieser Altersgruppe übersehen werden. Im Kontext einer Gesellschaft der Langlebigkeit und vor dem Hintergrund des zukünftigen Anstiegs der hochaltrigen Bevölkerung stellt sich die Frage, wie Wohlbefinden und hohe Lebensqualität bis ins hohe Alter unterstützt werden können? Studien postulieren dabei, dass es für ein gutes Leben im Alter möglich sein sollte den eigenen Interessen, Zielen und Aktivitäten nachzugehen. Diese können von geistigen und kulturellen Aktivitäten bis hin zu dem Eingebundensein in ein soziales Netzwerk reichen (Wurm et al., 2010).

Aktivitäten von hochaltrigen Menschen

Welchen Aktivitäten gehe hochaltrige Menschen in Niederösterreich nach und inwiefern werden diese unsichtbar gemacht?

Welche Aktivitäten führen hochaltrige Menschen in Österreich aus?

Für die Beantwortung dieser Frage wurden die Daten der achten Welle des SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe) von Juni 2021 herangezogen (Börsch-Supan, 2022). Für die Auswertung wurden nur jene Daten analysiert, die die die österreichische Bevölkerung ab 80 Jahren2 erfassen.

2 Die Stichprobe umfasst 536 Personen (80-84 Jahre: n=307; 85-89 Jahre: n=134; 90+ Jahre: n=95)

So zeigt sich bei der Frage danach, welche Aktivitäten die Befragten in den letzten 12 Monaten ausgeübt haben, dass die überwiegende Mehrheit der österreichischen Befragten ab 80 Jahren (91%) angeben, im vorangegangenen Jahr Bücher, Magazine oder Zeitungen gelesen zu haben. Darüber hinaus geben knapp die Hälfte der Befragten (52%) an in diesem Zeitraum Kreuzwort- oder Zahlenrätsel gelöst zu haben.

Im Bereich von sozialen Aktivitäten geben 34% der hochaltrigen Personen an, Vereinsaktivitäten teilgenommen zu haben und 15% führten eine unentgeltliche bzw. freiwillige Arbeit bei Wohltätigkeitsorganisationen aus. Weniger aktiv sind die Befragten ab 80-Jährigen bei Bildungsangeboten (5%) oder in politischen Initiativen (3%). Darüber hinaus zeigt sich jedoch auch, dass nur 4% der Befragten angegeben haben keine der genannten Aktivitäten ausgeführt zu haben.

Abbildung 3 zeigt, dass das Alter eine Rolle bei den durchgeführten Tätigkeiten spielt: So ist das Engagement im Bereich der sozialen Aktivitäten bei älteren Altersgruppen höher, z.B. bei der freiwilligen Arbeit3 und die Teilnahme an Aktivitäten in Vereinen4. Gleichzeitig ist jedoch auch die Aktivität im Bereich der Spiele5, Rätsel6 und beim Lesen7 bei älteren Altersgruppen niedriger. Dieses Ergebnis muss jedoch kritisch hinterfragt werden, da durch die vorgegebenen Antworten und den Fokus auf eher bürgerliche Aktivitäten, wie etwa Bürgerinitiativen, Weiterbildung, oder Bücher lesen, die alltäglichen Aktivitäten der höchstaltrigen Personen unsichtbar gemacht werden. So wird etwa nicht nach Haushaltstätigkeiten und sozialen Kontakten innerhalb der Familie gefragt.

3 Signifikant*, Cramer-V=0,165

4 Signifikant*, Cramer-V=0,142

5 Signifikant*, Cramer-V=0,153

6 Signifikant**, Cramer-V=0,214

7 Signifikant**, Cramer-V=0,214

Abbildung 3: Ausgeübte Aktivitäten in den letzten 12 Monaten nach Altersgruppen

Mit wem unternehmen hochaltrige Menschen in Niederösterreich Aktivitäten?

Abbildung 4 verdeutlicht interessante Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Während 80-84-Jährige eher mit Partner:innen (37%) Aktivitäten nachgehen, ändert sich dies bei den über 90-Jährigen. Diese gehen vorwiegend mit Kindern (26%) oder Freund:innen (41%) Aktivitäten nach. Der Unterschied ergibt sich aus der höheren Wahrscheinlichkeit einer Verwitwung im höheren Alter. Mit anderen Worten zeigt sich hier ein etwas differenzierteres Bild als in der SHARE-Befragung: Im höheren Alter ziehen sich die Befragten nicht komplett von Aktivitäten zurück, sondern sie sind eher im engen sozialen Netzwerk aktiv.

Abbildung 4: Soziale Kontakte bei Aktivitäten nach Altersgruppen

Fazit

Hochaltrige Menschen in Niederösterreich stellen eine große Gruppe dar, die in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird. Dabei wird mit Hochaltrigkeit sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft meist Pflegebedürftigkeit, Abhängigkeit und Passivität verknüpft. Dabei zeigt sich, dass dies nur für einen Teil der über 80-jährigen Niederösterreicher:innen die Lebensrealität darstellt. Die meisten weisen keinen Pflegebedarf auf, leben im Privathaushalt und gestalten ihren Alltag selbstständig. Diese defizitorientierte Perspektive wird durch die Art und Weise, wie Aktivität abgefragt wird, noch untermauert. Durch den Fokus auf spezifische, eher bürgerliche Aktivitäten von jüngeren Altersgruppen, wie etwa Teilhabe in politischen Organisationen, werden die Aktivitäten von Hochaltrigen unsichtbar gemacht. Dabei zeigt sich, dass vor allem die Familie und Freund:innen von großer Bedeutung sind.

Weiterlesen

Literatur

Börsch-Supan, A. (2022). Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) Wave 8. Release version: 8.0.0. SHARE-ERIC. Data set. DOI: 10.6103/SHARE.w8.800

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