Caring Communities und Angehörigenpflege

Autor:in

Sophie Kellerberger, MSc

Die Bedeutung von Caring Communities für pflegende Angehörige in Niederösterreich nimmt kontinuierlich zu. Angesichts der steigenden Anzahl von älteren Menschen, die oft zu Hause von ihren Familien betreut und gepflegt werden, gewinnen diese Gemeinschaften zunehmend an Bedeutung.

„Unter einer Caring Community verstehen wir eine Gemeinschaft in einem Quartier, einer Gemeinde oder einer Region, in der Menschen füreinander sorgen und sich gegenseitig unterstützen. Jeder nimmt und gibt etwas, gemeinsam übernimmt man Verantwortung für soziale Aufgaben“ (Zängl, 2023)

Caring Communities werden als essenziell betrachtet, um ein unterstützendes Umfeld zu schaffen, indem Angehörige nicht allein gelassen werden. Im Rahmen des Projekts Care4Caregivers wurden spezielle Messinstrumente entwickelt, um das Wohlbefinden und die Bedürfnisse der Pflegenden zu identifizieren und entsprechende Maßnahmen abzuleiten. Die Schaffung nachhaltiger Caring Communities steht im Mittelpunkt dieses Vorhabens, das darauf abzielt, die Lebensqualität und Gesundheit der Angehörigen zu verbessern.

Care4Caregivers

Das Ziel des Projekts Care4Caregivers ist die Steigerung der Lebensqualität und der Gesundheit von betreuenden und pflegenden Angehörigen durch die Steigerung der sozialen Teilhabe und der Selbstfürsorge. Dazu werden in der Pilotregion Waldviertel Nord in einem partizipativen Prozess Maßnahmen entwickelt und evaluiert, um der Überlastung der Angehörigen entgegenzuwirken. Kern des Projekts ist die nachhaltige Verankerung der Caring Community.

Wer übernimmt welche Care-Arbeit?

Die Pflege und Betreuung älterer Menschen übernehmen zu einem großen Teil die nächsten Angehörigen. In diesem Projekt sollte am Beispiel von acht pflegenden Angehörigen identifiziert werden, welche Personen und sozialen Netzwerke welche Rolle bei der Pflege übernehmen. Dafür wurde das Instrument der Netzwerkkarte ausgewählt.

Die Teilnehmenden wurden gebeten, relevante Kontakte in der Netzwerkkarte einzuzeichnen. Die Interviewperson hat dafür folgende Leitfrage gestellt: „Wer ist aktuell im Kontext Ihrer Pflegetätigkeiten für Sie wichtig?“ Außerdem sollte die räumliche Entfernung dieser Personen bei der Kennzeichnung berücksichtigt werden. Diese wurde über drei Ringe markiert, wobei der äußere Ring eine Distanz von 31-60 Minuten kennzeichnet, der mittlere 11-30 Minuten und der innere max. 10 Minuten. Während der Erstellung der Netzwerkkarte haben die Interviewpersonen Nachfragen zu einzelnen Kontakten gestellt, um mehr Informationen über deren Unterstützung zu erhalten.


Die Analyse hat gezeigt, dass die einzelnen Sub-Netzwerke unterschiedliche Funktionen in der Betreuung und Pflege von älteren Personen erfüllen. Die Familie (Partner:in, Geschwister, Kinder, Enkelkinder) übernimmt dabei vor allem soziale, persönliche und instrumentelle Tätigkeiten. Sie übernehmen das Organisieren von Terminen, Einkäufe und Fahrtendienste, sind eingebunden in z.T. umfassende Pflege- und Betreuungstätigkeiten und sind aber vor allem auch eine emotionale Stütze. Freund:innen, Bekannte und Verwandte unterstützen bei Tätigkeiten des täglichen Bedarfs und sind Quelle für Austausch und Rat. Die Gemeinschaft ist Zentrum von außerfamiliären Kontakten und dient dem Ausgleich. Gesundheitsdienste übernehmen vor allem instrumentelle und fachliche Tätigkeiten (Hausbesuche, Körperpflege, Organisation von Pflegegeld und Arztbesuchen).

In Abbildung 1 wird eine prototypische Netzwerkkarte dargestellt.

Hinweis

Die folgenden Abbildungen der Netzwerkkarten sind interaktiv: Durch Berührung werden die Unterstützungsleistungen der unterschiedlichen Sub-Netzwerke und der Netzwerkkontakte sichtbar.

Abbildung 1: Visualisierung der Netzwerkkarte (Interaktiv)

Die folgenden interaktiven Abbildungen zeigen die Netzwerkarten von drei der pflegenden Angehörigen in der Untersuchung.

Weiblich (ca. 80 J, in Pension)
pflegt den an Parkinson erkrankten Ehemann rund um die Uhr, weil große Sturzgefahr besteht.

Abbildung 2: Unterstützungsnetzwerk 1 (N=11)

Männlich (66 J, in Pension)
unterstützt an Demenz erkrankte Mutter (86) bei organisatorischen Tätigkeiten; sie ist mobil und kann sich selber versorgen.

Abbildung 3: Unterstützungsnetzwerk 2 (N=8)

Weiblich (53 J, Vollzeit berufstätig)
wohnt mit Ehemann und Mutter (77) in einem Haushalt und betreut Mutter, da Vater verstorben ist; Mutter hat körperliche Beschwerden.

Abbildung 4: Unterstützungsnetzwerk 3 (N=13)

Unterstützungsbedarf im Alltag pflegender Angehöriger

Die Pflege von Angehörigen unterscheidet sich sehr deutlich in der Art und Menge der Aufgaben und in der Stundenanzahl. Im Rahmen einer Tagebuchanalyse konnte Einblick in die Lebenswelt und Gefühlslage von sieben pflegenden Angehörigen erhoben werden. Die Personen wurden gebeten, 10 Tage lang ein Tagebuch zu führen, in dem Sie Informationen zu den verrichteten Tätigkeiten (Erwerbstätigkeit, Haushalt, Pflege, Freizeit) sowie zu ihrer tagesaktuellen Stimmung vermerkt haben. Darüber hinaus wurden unterstützende Personengruppen, Unterstützungsbedarf, Belastungen, Wünsche und selbstfürsorgliche Aktivitäten festgehalten.

Nachfolgend finden sich drei Beispiele der 10-Tages-Tagebuchaufzeichnung – durch Berührung mit der Maus werden weitere Informationen zu den Tätigkeiten, der empfangenen Unterstützung, der Selbstsorge und den Wünschen der pflegenden Angehörigen an diesen Tagen sichtbar.

Anm. Die pflegenden Angehörigen in diesen drei Beispielen sind nicht identisch mit jenen, deren Netzwerkkarten präsentiert wurden.

Anhand der drei Beispiele wird ersichtlich, dass nicht zwingend ein direkter Zusammenhang zwischen Pflege und Stimmung bestehen muss. Pflege kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben, es spielen jedoch noch einige andere Aspekte des täglichen Lebens eine Rolle im Wohlbefinden pflegender Angehöriger. Eine Kumulation verschiedener Faktoren wie hoher Pflegeaufwand, mangelnde Selbstfürsorge und unzureichende Unterstützung sind oft der Grund von Distress in der Pflege von Angehörigen.

Deutlich wurde, dass pflegende Angehörige häufig unter einer Mehrfachbelastung stehen, da sie die Pflegetätigkeiten meist zusätzlich zu Hausarbeit und Erwerbsarbeit verrichten. Vorwiegend Familie und Nachbarschaft werden als unterstützende Personengruppen wahrgenommen. Nichtsdestotrotz werden vor allem Wünsche nach mehr Unterstützung bei der Pflege, mehr Zeit für sich selbst, mehr Gesellschaft und mehr emotionaler Unterstützung geäußert. Es besteht somit ein großer Bedarf nach sozialer Unterstützung, ein Bedarf, der durch die Caring Community gedeckt werden könnte.


Abbildung 5 gibt Gedanken der Angehörigen wieder, die die positiven als auch negativen Seiten der Betreuung und Pflege unterstreichen.

Abbildung 5: Gedanken der Pflegenden Angehörigen

Angesichts der dargestellten Unterstützungsnetzwerke und Tagesabläufe pflegender Angehörige wird deutlich, dass unterstützende Personengruppen vorhanden sind, oftmals jedoch aufgrund der Mehrfachbelastung im Alltag weiterer Unterstützungsbedarf notwendig ist. Hier wird die Relevanz der Caring Community besonders sichtbar, wodurch es entscheidend ist, die Verantwortung dieser Gemeinschaften in verschiedenen Belastungssituationen zu definieren und angemessene Unterstützungsmaßnahmen zu entwickeln.

Welche Verantwortung kann die Caring Community tatsächlich übernehmen?

Auf Basis der Erkenntnisse der Erhebungen wurde ein Ampelsystem entwickelt, um die Rolle von Caring Communities in spezifischen Phasen darzustellen. Dieses Ampelsystem für Caring Communities dient als effektiver Leitfaden, um angemessen auf verschiedene Belastungsstufen zu reagieren und die Unterstützung entsprechend anzupassen. Es legt besonderen Wert auf die graduelle Einbindung professioneller Hilfe bei steigender Eskalation der Belastungssituation. Hierbei spielen die verschiedenen Phasen der Belastung eine entscheidende Rolle:

Starke bis sehr starke Belastung

Die Caring Community agiert als Auffangnetz und bietet intensive Unterstützung zur Entlastung und Förderung des Genesungsprozesses. Dennoch steht die Vermittlung professioneller Hilfe im Vordergrund, um eine angemessene fachliche Betreuung sicherzustellen. In dieser Phase ist eine koordinierte Zusammenarbeit mit Expert:innen und Fachleuten unabdingbar.

Moderate Belastung

Die Caring Community bleibt weiterhin ein unterstützendes Element, betont jedoch vermehrt die Möglichkeit professioneller Hilfe. Es ist wichtig, auf die potenzielle Notwendigkeit von fachlicher Unterstützung hinzuweisen, um eine frühzeitige Intervention zu ermöglichen. Dies setzt auf Sensibilisierung und schafft eine Brücke zwischen der Gemeinschaft und professionellen Dienstleistungen.

Keine bis geringe Belastung

Die Caring Community fungiert als unterstützendes Netzwerk, das den Austausch und gemeinsame Treffen fördert. Das Hauptziel besteht darin, soziale Verbindungen zu stärken und einen unterstützenden Rahmen zu bieten. Hierbei liegt der Fokus auf präventiven Maßnahmen, um das Wohlbefinden innerhalb der Gemeinschaft zu fördern.

Fazit

Die Identifizierung von Belastungen und Bedürfnissen der pflegenden Angehörigen und die Entwicklung des Ampelsystems im Rahmen von Care4Caregivers machen die belastende Situation pflegender Angehöriger und den Bedarf nach sozialer Unterstützung sichtbar und betont dabei auch die präventive Charakteristik der Caring Community. Das Ampelsystem bietet nicht nur eine strukturierte Reaktion auf Belastungen, es legt zudem einen starken Fokus auf präventive Maßnahmen. Indem es die schrittweise Einbindung professioneller Hilfe bei steigender Belastung betont, schafft es eine Brücke zwischen der Gemeinschaft und den professionellen Dienstleistungen. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von und den Bedarf an Caring Communities als unterstützendes Netzwerk, das nicht nur reagiert, sondern auch proaktiv das Wohlbefinden der pflegenden Angehörigen fördert.

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Literatur