Demographische Alterung in Österreich
Die demografische Alterung stellt eine der größten Herausforderungen für europäische Sozialstaaten dar. Seit Jahrzehnten wird diskutiert, wie sich eine älter werdende Bevölkerung auf die sozialen Sicherungssysteme auswirken wird. Dabei reichen die Thesen von einem Zusammenbruch des Pensions-, Gesundheits- und Pflegesystems bis hin zu einer stabilisierenden Wirkung auf soziale Sicherungssysteme, da ältere Menschen als wertvolle Ressource für den Arbeitsmarkt, die Kinderbetreuung und das Ehrenamt gesehen werden. Es stellt sich die Frage, wie sich die Demographie in Österreich und den einzelnen Bundesländern entwickelt und welche Tendenzen sich bereits aus aktueller Sicht für die kommenden Jahrzehnte prognostizieren lassen.
Veränderung der Bevölkerungsstruktur
Die Zusammensetzung und der Aufbau der österreichischen Bevölkerung verändern sich ständig. Die demographische Alterung zeigt sich an der Veränderung des Altersaufbaus der Bevölkerung (Abbildung 1). Aktuell1 sind rund 19,8% der Bevölkerung 65 Jahre alt oder älter, was in etwa dem Anteil der unter 20-Jährigen entspricht. Der Anteil der 65+-Jährigen lag 1961 bei rund 12,3%, 2001 bei 15,4% und wird sich sich in den kommenden Jahren weiter erhöhen. Im nächsten Jahrzehnt werden vergleichsweise bevölkerungsreiche Jahrgänge das Regelpensionsalter erreichen, wodurch sich lt. Prognose2 der Anteil der Personen ab 65 Jahren an der Gesamtbevölkerung bis 2041 auf rund 26,8% erhöhen wird, also mehr als jede und jeder Vierte in Österreich das 65. Lebensjahr überschritten haben wird (Abbildung 3). Das Durchschnittsalter der österreichischen Bevölkerung stiege damit auch in vergleichweise kurzer Zeit um rund 3 Jahre an, von aktuell 42,9 Jahren auf 45,7 Jahre im Jahr 2041.
1 Anm. Stand der Daten 1.1.2024
2 Anm.: Angeführt sind die Zahlen aus der Hauptvariante der Bevölkerungsprognose der Statistik Austria – mehr Informationen zur Prognose, den Annahmen und Szenarien s. https://www.statistik.at/atlas/bev_prognose.
Die Bevölkerung in Niederösterreich zeichnet sich im Vergleich mit der gesamten österreichischen Bevölkerung durch einen höheren Anteil älterer Menschen aus und es wird prognostiziert, dass sich der Anteil der 65+-Jährigen in Niederösterreich von aktuell 21,3% auf 29,0% im Jahr 2041 steigern wird, und in diesem Zeitraum das Durchschnittsalter von rund 44,0 Jahren auf 46,8 Jahre zunimmt (s. Abbildung 2 und (Abbildung 4).
Die folgenden beiden Animationen zeigen die Veränderung der Bevölkerungsstruktur im Zeitverlauf 1952 bis 2080, die Veränderungen der Anteile der jüngeren Bevölkerung bis 19 Jahre und der älteren Bevölkerung ab 65 Jahre, s. Abbildung 5 für Österreich, Abbildung 6 für Niederösterreich.
Sinkender Anteil von Personen im Erwerbsalter
Prognosen zeigen, dass die Ausgaben für Pensionen, Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen werden, was erhebliche Auswirkungen auf die langfristige Finanzierbarkeit dieser Systeme hat (Europäische Kommission, 2024). Eine zentrale Herausforderung ergibt sich aus dem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials (Fuchs et al., 2022). So sind für die Belastung des Sozialstaats nicht die absoluten Zahlen entscheidend, sondern die sich verändernden Relationen zwischen verschiedenen Altersgruppen, insbesondere das Verhältnis von Personen im erwerbsfähigen Alter (20-64 Jahre) zu jenen im Pensionsalter (Bundeszentrale für politische Bildung, 2022). Die hier aufbereitete Bevölkerungsprognose der Statistik Austria verdeutlicht, dass der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter von aktuell 60,9% (2024) auf 55,1% im Jahr 2040 und 53,8% im Jahr 2050 sinken wird (Abbildung 9), in Niederösterreich im selben Zeitraum von 59,2% auf 52,9%, bzw. 51,7%, (Abbildung 10).
Gleichzeitig erwartet Statistik Austria trotz des demografischen Wandels einen moderaten Anstieg der Anzahl der Erwerbspersonen in Österreich, vor allem durch höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Personen. Bis 2075 könnte die Zahl der Erwerbspersonen auf etwa 4,7 Mio. steigen, bei einer Gesamtanzahl von 20 bis 64-Jährigen von rund 5,3 Mio. und einem relativen Anteil dieser Altersgruppe von etwa 52,2%, also etwas mehr als der Hälfte der österreichischen Bevölkerung (Abbildung 7), in Niederösterreich wird ein . Das weist auf ein gewisses Potenzial hin, vorausgesetzt, es gelingt, strukturelle Barrieren für die Beschäftigung dieser Gruppen abzubauen und integrative Maßnahmen zu intensivieren (Statistik Austria, 2024).
Steigende Lebenserwartung
Ein zentraler Grund für die demographischen Alterung ist die steigende Lebenserwartung – die Menschen in Österreich werden im Durchschnitt immer älter. Die mittlere Lebenserwartung bei Geburt3 stieg für Frauen von 72,8 Jahren im Jahr 1961 fast stetig, nur unterbrochen in den Jahren der COVID-19-Pandemie, auf 84,2 Jahre im Jahr 2023 an – für die Männer stieg die Lebenserwartung im selben Zeitraum von 66,5 Jahren auf 79,4 Jahre. Auch die fernere Lebenserwartung ab dem 65. Lebensjahr stieg im Lauf der Zeit, mit Ausnahme der Jahre der Pandemie, kontinuierlich an, von 15,1 Jahren im Jahr 1961 auf 21,6 Jahre im Jahr 2023 für Frauen und von 12,4 auf 18,4 Jahren für Männer. Für die Zukunft wird eine weitere Steigerung der Lebenserwartung prognostiziert, in je nach Prognosevariante unterschiedlicher Höhe.4 In der Hauptvariante der Bevölkerungsprognose der Statistik Austria wird bis 2080 eine stetige Steigerung der Lebenserwartung von Frauen auf 92,4 Jahre und von Männern auf 89,7 Jahre erwartet.
3 Anm.: Die mittlere Lebenserwartung bei Geburt errechnet sich als das durchschnittliche Sterbealter im jeweiligen Geburtsjahr
Niedrige Geburtenrate
Ein weiterer entscheidender Treiber der demographischen Alterung ist die seit Jahrzehnten abnehmende Geburtenrate (Fertilitätsrate5) (s. Abbildung 13). So ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau seit den 1960er Jahren kontinuierlich gesunken und liegt seit 1972 beständig unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau. Grob formuliert, bedeutet das, dass weniger Kinder geboren wurden und dadurch der Anteil der unter 20-Jährige in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist. Dabei lag die Geburtenrate zwischen 1990 und 2022 relativ stabil bei rund 1,4, und hat in den letzten beiden Jahren ein “Allzeit-Tief” von 1,32 Kindern pro Frau erreicht (Statistik Austria, 2025). Die Geburtenrate in Niederösterreich lag 2024 mit 1,39 Kindern pro Frau etwas über dem Österreichschnitt (Abbildung 14).
5 Anm. Ausgewiesen ist die Gesamtfertilitätsrate, als die durchschnittliche Anzahl von Kindern pro Frau.
Auch nach Geburtskohorten zeigt sich für Österreich ein deutlicher Rückgang der jährlichen Geburten und der Gesamtsumme an Lebendgeborenen pro Geburtskohorte. In den geburtenstarken Jahrgängen wurden zwischen 1955 und 1969 rund 1,88 Millionen Kinder lebend geboren und dies stellt damit die größte Bevölkerungsgruppe dar. Wie in der Bevölkerungsstruktur am Anfang dieses Dokuments ersichtlich, befindet sich diese Kohorte gerade am Übergang in den Ruhestand. Im Gegensatz dazu fallen die nachfolgenden Kohorten mit 1,42 bzw. 1,33 und 1,17 Millionen bereits deutlich kleiner aus. Abbildung 15 zeigt die Summe der Lebendgeborenen nach Geburtskohorte mit der vergleichsweise hohen Anzahl von Geborenen der Jahrgänge 1955 bis 1969 und den danach folgenden sinkenden Trend – dieser zeigt sich auch in den Daten für Niederösterreich (Abbildung 16).
Bevölkerungswachstum
Trotz schwacher Geburtenraten ist die österreichische Bevölkerung in den letzten Jahren gewachsen und wird dies auch voraussichtlich in den kommenden Jahrzehnten weiter tun. Betrachten man nun nicht nur die Anzahl der Geburten nach Geburtskohorten, sondern die Gesamtzahl der österreichischen Bevölkerung innerhalb dieser Geburtskohorten, dann fällt auf, dass die Anzahl an Personen in den jeweiligen Geburtskohorten nach dem letzten Geburtsjahrgang der Kohorte weiter steigt und die drei Kohorten zwischen 1955 und 1999 im Jahr 2024 trotz sinkender Geburtenzahlen eine ähnlich hohe Anzahl an Personen umfassen (Abbildung 17). Der Grund dafür liegt im positiven Wanderungssaldo, also einer positiven Differenz zwischen Zu- und Abwanderungen.
Migration wirkt also als kompensatorischer Mechanismus gegen den Bevölkerungsrückgang. Sie ist heute ein entscheidender Faktor für die demografische Entwicklung und somit auch für die Stabilität des Sozialstaats (Kohls, 2022). Die Prognosen verdeutlichen jedoch auch, dass die regionalen Effekte des Wandels sehr unterschiedlich ausfallen werden. Während urbane Regionen, insbesondere Wien, weiterwachsen, sind periphere Gebiete von Schrumpfung und Überalterung bedroht, was zu regionaler Ungleichheit führt und neue Anforderungen an sozialstaatliche Steuerung stellt (Statistik Austria, 2024). Es genügt jedoch nicht, die Zahl der Migrant:innen zu erhöhen, vielmehr ist auch deren Integration in den Arbeitsmarkt essenziell, damit sie langfristig zum Erwerbspersonenpotenzial beitragen können (Staudinger & Häfner, 2008).
Fazit
Wie sich die älterwerdende Bevölkerung auf die Gesellschaft und die sozialen Sicherungssystem auswirken wird, ist Thema hitziger Debatten. Während die einen die Herausforderungen, insbesondere für das Pensions-, Gesundheits- und Pflegesystem betonen, fokussieren andere auf die Chancen einer Gesellschaft der Langlebigkeit („Longevity Society“), in der das Alter weniger als Problem gesehen und eher am Aufbau von Strukturen gearbeitet, die ein gesundes und aktives Altern begünstigen, Solidarität und Gemeinschaft fördern und versuchen soziale Ungleichheiten zu reduzieren (Scott, 2021).
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die demografische Alterung eine große Herausforderung für die Nachhaltigkeit und Leistungsfähigkeit des Sozialstaats in Österreich darstellt. Migration kann die sinkende Geburtenrate teilweise kompensieren und, insbesondere wenn sie durch integrative Maßnahmen flankiert wird, zur Stabilisierung des Sozialstaates beitragen. Langfristig ist es jedoch unerlässlich, soziale Sicherungssysteme strukturell zu reformieren und ältere Menschen als wertvolle Ressource für den Arbeitsmarkt, die Kinderbetreuung und das Ehrenamt zu adressieren.
Literatur
- Bundeszentrale für politische Bildung. (2011, 23. Dezember). Glossar: Demografische Begriffe. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/bevoelkerungsentwicklung-282/55938/glossar-demografische-begriffe/
- Europäische Kommission. (2024). 2024 ageing report: Economic and budgetary projections for the EU member states (2022–2070) (Institutional Paper 279). Publications Office of the European Union. https://doi.org/10.2765/022983
- OECD (2019). Ageing populations, pension systems and government budgets: How do they affect saving? (OECD Economics Department Working Papers, No. 156). OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/333823847807
- Fuchs, J., Söhnlein, D., & Weber, B. (2022). Demografische Alterung führt zu einem stark sinkenden Erwerbspersonenpotenzial. Wirtschaftsdienst, 102(2), 148–150. https://doi.org/10.1007/s10273-022-3102-3
- Höpflinger, F. (2011). Demografische Alterung – Trends und Perspektiven. http://www.hoepflinger.com/fhtop/Demografische-Alterung.pdf
- Kaeberlein, M. (2013). Longevity and aging. F1000Prime Reports, 5, 5. https://doi.org/10.12703/P5-5
- Pimpertz, J. (2024). Sozialstaat: Demografische Herausforderungen drängender denn je. IW-Trends – Vierteljahresschrift zur empirischen Wirtschaftsforschung, 51(1), 37–44.
- Scott, A. J., & Gratton, L. (2021). The new long life: A framework for flourishing in a changing world. Bloomsbury Publishing.
- Scott, A. (2021). The longevity society. Lancet Health Policy, 2: e820–27
- Statistik Austria. (2024). Bevölkerungs- und Erwerbsprognose 2023-2075 [Pressekonferenz]. https://www.youtube.com/watch?v=Srzy0blSMDo
- Statistik Austria. (2025). Durchschnittliche Kinderzahl pro Frau 2024 auf Allzeit-Tief gesunken: Weniger Geburten und Verstorbene 2024, Geburtenbilanz erneut negativ [Pressemitteilung]. https://www.statistik.at/fileadmin/announcement/2025/02/20250226Geburtenbilanz2024.pdf
- Statistik Austria. (2025). So geht’s uns heute: Die sozialen Krisenfolgen im vierten Quartal 2024. https://www.statistik.at/fileadmin/publications/Bericht_Soziale_Krisenfolgen_Q4-2024.pdf
- Staudinger, U., Häfner H. (Hg.)(2008). Was ist demographische Alterung? In Was ist Alter(n)? Neue Antworten auf eine scheinbar einfache Frage (Bd. 18, S. 97).
- WHO Regional Office for Europe. (2019). Can people afford to pay for health care? New evidence on financial protection in Europe. WHO Regional Office for Europe. https://apps.who.int/iris/handle/10665/311654