Gesundes Altern und Lebenserwartung in Gesundheit
Die durchschnittliche Lebenserwartung in Österreich1, wie auch in ganz Europa, ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erheblich angestiegen, mit kleineren Schwankungen fast kontinuierlich und nur unterbrochen durch die erhöhte Sterblichkeit in und nach der Zeit der Corona-Pandemie von 2020 bis 2022. Medizinischer Fortschritt, verbesserte Lebensbedingungen sowie ein höheres Bewusstsein für Prävention haben dazu beigetragen, dass Menschen heute deutlich älter werden als frühere Generationen (Dorner 2025: 83f).
1 Anm. In den Grafiken auf dieser Seite wird auch immer die Entwicklung für Niederösterreich genauer dargestellt – die Trends unterscheiden sich nicht in Gesamt-Österreich.
Es stellt sich angesichts der gestiegenen Lebenserwartung die Frage, wie gesund (d.h. ohne chronische Erkrankungen und frei von gesundheitlichen Einschränkungen im Alltag) diese gewonnenen Lebensjahre verbracht werden, und ob mit der steigenden Lebenserwartung auch eine Steigerung der Lebenserwartung in Gesundheit einhergeht und ein Anstieg des Anteils der gesunden Jahre an der gesamten Lebenserwartung, und damit eine Kompression der Morbidität (Fries 1980). Diese Frage rückt zunehmend in den Mittelpunkt gesundheitspolitischer und wissenschaftlicher Analysen, im Speziellen auch wenn es um die Einschätzung und Planung des zukünftig notwendigen Versorgungs- und Pflegeangebots geht.
Zur Untersuchung werden die Daten der EU-SILC Erhebung zu den Lebensbedingungen in den Ländern der Europäischen Union (Community Statistics on Income and Living Conditions) genutzt, die von Statistik Austria seit 2003 jährlich erhoben werden und entsprechend zur im Vergleich weit detaillierteren gesundheitsspezifischen ATHIS Gesundheitsbefragung (Austrian Health Interview Survey) für diese Darstellung den Vorteil bietet, dass die Daten von mehr Erhebungszeitpunkten vorliegen (EU-SILC: 22 jährliche Wellen seit 2003, ATHIS: 3 Wellen 2009, 2014, 2019, nächste Welle 2026).
1 Wie entwickelt sich die allgemeine Lebenserwartung?
Die österreichische Bevölkerung wird älter: Zum einen steigt die durchschnittliche Lebenserwartung, also die Anzahl der zu erwartenden Lebensjahre bei Geburt und in späterem Alter (“fernere Lebenserwartung”) und zum anderen verschiebt sich der Schwerpunkt der Altersverteilung durch eine sinkende Fertilität und die geringere Anzahl von Kindern und Jugendlichen in Relation zu älteren Menschen in höhere Alterslagen.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist die durchschnittliche Anzahl an Jahren, die eine Person unter den jeweils aktuellen Sterblichkeitsbedingungen, z.B. der Sterblichkeit im Kalenderjahr 2024) voraussichtlich noch leben wird, vom Zeitpunkt der Geburt oder auch ab einem bestimmten Lebensalter (fernere Lebenserwartung). Sie wird aus den Sterbetafeln der offiziellen Statistik (Statistik Austria) berechnet, die die Sterblichkeit für jedes Altersjahr enthalten und aus der sich die durchschnittliche, noch verbleibende Lebenserwartung bei Geburt oder die fernere Lebenserwartung ausgehend von einem bestimmten Altersjahr errechnen lässt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt stieg in Österreich von 1947 bis 2024 um etwa 20 Jahre, für Männer von 59,4 Jahren auf 79,8 Jahre und für Frauen von 64,4 Jahren auf 84,3 Jahre (Daten: Statistik Austria 2024).
Der Anstieg der Lebenserwartung bei Geburt zeigt dabei eine Abflachung: Zwischen 1980 und 2000 stieg die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern noch um 6,1 Jahre (von 69,0 auf 75,1 Jahre) und bei Frauen um 5,0 Jahre (von 76,1 auf 81,1 Jahre). Zwischen 2000 und 2024 fiel der Zuwachs mit weiteren 2,7 Jahren bei Männern bzw. 3,2 Jahren bei Frauen vergleichsweise geringer aus. Der vorübergehende Rückgang der durchschnittlichen Lebenserwartung während der Covid-19-Pandemie um etwa 0,6 Jahre bei den Männern und 0,5 Jahre bei den Frauen ist klar erkennbar, während die Zahlen für 2024 näherungsweise wieder dem langjährigen Trend entsprechen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer nähert sich seit Beginn der 1990er Jahre kontinuierlich an jene der Frauen an.
Auch die durchschnittliche fernere Lebenserwartung ab 65 Jahren, also die für Personen im Alter von 65 Jahren im Mittel verbleibende Lebensjahre, ist in den vergangenen Jahrzehnten, v.a. seit den 1970er Jahren stark angestiegen: Bei den Männern stieg diese von 1970 bis 2024 um 7,1 Jahre (von 11,7 auf 18,8 Jahre), bei Frauen um 6,7 Jahre (von 14,9 auf 21,6 Jahre). Der Geschlechterunterschied bei der durchschnittlichen ferneren Lebenserwartung mit 65 Jahren liegt seit den 1970er Jahren mit kleineren Schwankungen bei etwa 3,5 Jahren und ist wesentlich geringer als der Unterschied der Lebenserwartung bei Geburt.
Es ist sowohl bei der Lebenserwartung bei Geburt, als auch bei der ferneren Lebenserwartung eine Steigerung erkennbar, aber auch eine Abflachung dieser Kurve, d.h. dass die Zugewinne an Lebenserwartung in den vergangenen 10 bis 15 Jahren geringer geworden sind, auch, aber nicht nur durch den Rückgang der Lebenserwartung in den Jahren 2020 bis 2022. Seit 2023 stieg die Lebenserwartung wieder und lag 2024 über dem genannten sich abflachenden Trend. Wie sich die Lebenserwartung entwickeln wird und ob sich der Trend der letzten Jahrzehnte weiter fortsetzt, wird sich zeigen. Für die weitere Entwicklung wird in der Hauptvariante der Bevölkerungsprognose der Statistik Austria jedenfalls ein weiterer Anstieg der Lebenserwartung bis 2080 angenommen, wenn auch ein geringerer als für die vorhergehenden 60 Jahre. Bei Männern wird von 2024 bis 2080 ein Anstieg um 7,4 Jahre, von 79,8 auf 87,2 Jahre erwartet und bei Frauen um 6,2 Jahre, von 84,3 auf 90,5 Jahre. Die geschlechtsspezifischen Lebenserwartungen würden sich demnach auf 3,2 Jahre annähern. Für die fernere Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren wird für den Zeitraum 2024 bis 2080 ein weiterer Anstieg um 5,3 Jahre bei Männern (18,8 auf 24,1 Jahre) und 4,7 Jahre bei den Frauen (21,7 auf 26,4 Jahre) erwartet, womit sich der Unterschied zwischen den Geschlechtern in der ferneren Lebenserwartung auf 2,3 Jahre reduzieren würde.
2 Wie hat sich die Wahrscheinlichkeit entwickelt, ein hohes Alter zu erreichen?
Der Anstieg der mittleren Lebenserwartung bedeutet auch einen Anstieg der Wahrscheinlichkeit ein höheres und hohes Alter zu erreichen, also z.B. den 80., 90., 95. oder auch 100. Geburtstag zu erleben.
Auch diese Wahrscheinlichkeiten lassen sich den von der Statistik Austria geführten Sterbetafeln ermitteln. Die folgende Grafik zeigt die Wahrscheinlichkeit einen bestimmten Geburtstag zu erleben im Vergleich der Jahre 1960, 1980, 2000 und 2024. Erkennbar ist, wie sich die Kurven, die den Verlauf der Erlebenswahrscheinlichkeiten nach Altersjahr repräsentieren, nach 1960 immer weiter nach rechts (und oben) verschieben, also in die Richtung einer höheren Wahrscheinlichkeit höhere Altersjahre zu erreichen.
In Österreich betrug im Jahr 1960 bei Geburt die Wahrscheinlichkeit ein Alter von 80 Jahren zu erreichen für Männer 21,8%, für Frauen 38,5%. Im Jahr 2024 lag diese Wahrscheinlichkeit bereits bei 59,1% bzw. 74,0%, hat sich innerhalb dieser Zeit für Männer etwa verdreifacht und für Frauen verdoppelt. Auch die Veränderungen seit dem Jahr 2000 sind bemerkenswert, in dem diese Wahrscheinlichkeit für Männer noch bei 44,5% bzw. 65,4% und damit weit unter dem aktuellen Niveau lag. Für Personen, die im Jahr 2024 geboren wurden werden, lässt sich, unter Annahme der aktuellen Sterblichkeit also prognostizieren, dass etwa 59,1% der Männer den 80. Geburtstag erreichen, 23,0% den 90. Geburtstag und etwa 1,0% den 100. Geburtstag – bei den Frauen liegen die erwarteten Anteile bei 74,0%, 36,8% und 2,3%, das würde bedeuten, dass etwa jeder 100. heute geborene Mann und jede 45. heute geborene Frau den 100. Geburtstag feiern können – und fiele die tatsächliche Sterblichkeit in Zukunft geringer aus als auf Basis der Daten von 2024 geschätzt, so würden diese erwartete Anteile von hoch- und höchstaltrigen Personen noch zunehmen.
Die farbigen Linien zeigen die Erlebenswahrscheinlichkeit bestimmter Altersjahre im Zeitverlauf: In Österreich im Jahr 2024 betrug die, auf Basis der Sterblichkeitsdaten angenommene Wahrscheinlichkeit für Neugeborene, den 95. Geburtstag zu erleben für Frauen 13,6% und bei Männern 7,1%, im Jahr 2000 lag diese noch bei 6,9% (Frauen) und 2,7% (Männer), im Jahr 1980 lag diese noch bei 2,3% (Frauen) und 0,8% (Männer), im Jahr 1960 lag diese noch bei 1,3% (Frauen) und 0,4% (Männer).
Für Personen, die das 65. Lebensjahr absolvierten ist die Wahrscheinlichkeit ein hohes Alter zu erreichen im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ebenfalls beträchtlich angestiegen. Die prognostizierte Wahrscheinlichkeit nach dem Erreichen des 65. Geburtstags auch den 80. Geburtstag zu erleben war im Jahr 1960 mit 33,9% bei Männern und 48,8% bei Frauen noch weit geringer als im Jahr 2000 mit 55% der Männer und 72,5% der Frauen, und im Jahr 2024 wo dies bereits für 67,2% der Männer und 79,2% der Frauen angenommen werden kann. Das bedeutet, dass, gemäß dieser Annahme zwei Drittel der Männer und vier Fünftel der Frauen, die heute 65 Jahre alt sind auch noch das 80. Lebensjahr absolvieren (im Jahr 1960 nur ein Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen mit 65 Jahren).
Den 90. Geburtstag werden demnach etwa ein Viertel (26,1%) der heute 65-Jährigen Männer und zwei Fünftel (39,4%) der heute 65-jährigen Frauen erleben – und den 100. Geburtstag schließlich noch etwa jeder 80. Mann (1,2%) und jede 40. Frau (2,5%) der im Jahr 2024 noch 65-Jährigen. In noch höheren Altersjahren sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ausgeprägter, aber es zeigt sich auch, dass die Wahrscheinlichkeit zur Erreichung eines hohen Alters bei den Männern in den vergangenen Jahren stärker angestiegen ist als bei den Frauen und sich die Wahrscheinlichkeit zwischen den Geschlechtern angenähert hat.
Im Jahr 2024 beträgt die Wahrscheinlichkeit für 65-Jährige auch den 95. Geburtstag zu erleben 14,6% bei den Frauen und 8,1% bei den Männern, im Jahr 2000 betrug diese etwa die Hälfte und lag bei 7,6% (Frauen) und 3,3% Männer, und 1980 lag diese noch bei 2,7% (Frauen) und 1,1% (Männer).
3 Wie hat sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung (im Alter) entwickelt?
Für die Beantwortung der Frage, ob die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte dazugewonnenen Lebensjahre tendenziell bei guter (oder schlechter) Gesundheit verbracht werden, und wie sich dies über die Zeit verändert hat, sind Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung nötig. Solche Informationen werden durch regelmäßige Befragungen ermittelt, v.a. durch im Rahmen der EU-SILC Erhebung zu den Lebensbedingungen in den Ländern der Europäischen Union (Community Statistics on Income and Living Conditions), der ATHIS Gesundheitsbefragung (Austrian Health Interview Survey) und auch durch andere Erhebungen in denen Daten zum Gesundheitszustand erhoben werden, z.B. der SHARE Erhebung zu Gesundheit, Alterung und Ruhestand (Survey of Health and Ageing in Europe oder dem ESS European Social Survey (ESS).
Der Gesundheitszustand wird in den genannten Erhebungen mittels Fragebogen erhoben. Zur kompakten Erhebung des Gesundheitszustands werden im Rahmen des Minimum European Health Modules (MEHM) drei Konzepte mit den entsprechenden Fragen verwendet. Erfragt wird
- der subjektive Gesundheitszustand (“self perceived health”),
- das Vorhandensein chronischer Krankheiten (“chronic morbidity”), sowie
- funktionale Beeinträchtigungen im Alltag (GALI “Global Activity Limitation Indicator” (GALI), bzw. “activity limitation”
Weitere Informationen zu diesen Konzepten s.a. Statistik Austria (2025) und Eurostat.
In der EU-SILC Erhebung, werden diese Merkmale seit 2003 jährlich erhoben. Dazu werden allen Befragten in der Stichprobe, also den ab 16-jährigen Haushaltsmitgliedern in den teilnehmenden Haushalten folgende Fragen gestellt (Stand 2024):
Allgemeiner Gesundheitszustand
- Wie ist Ihre Gesundheit im Allgemeinen?
(Antwortmöglichkeiten: Sehr gut, Gut, Mittelmäßig, Schlecht, Sehr schlecht)
Chronische Krankheit
- Haben Sie eine chronische Krankheit oder ein lang andauerndes gesundheitliches Problem? Damit gemeint sind Krankheiten oder gesundheitliche Probleme, die 6 Monate andauern oder voraussichtlich andauern werden.
[Antwortmöglichkeiten: Ja, Nein]
3.1 Subjektiver Gesundheitszustand
Der subjektive Gesundheitszustand in der Bevölkerung blieb im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte mit leichten Schwankungen recht konstant, v.a. wenn “sehr guter” und “guter” Gesundheitszustand gemeinsam betrachtet werden, lag aber in den Jahren 2023 und 2024 unter jenem der vorhergehenden Jahre, speziell beim Anteil der Personen in “sehr gutem” Gesundheitszustand (2020: 35,3% der Männer, 32,3% der Frauen, 2024: 28,6% der Männer, 25,1% der Frauen). Die höchsten Anteile von Personen in sehr guter Gesundheit gab es in 2005 mit rund 40% bei den Männern und 36% der Frauen.
Die Fragestellungen zum Gesundheitszustand wurden über die bisherige Laufzeit des EU-SILC geringfügig verändert.
- 2003-2007 Wie ist Ihr allgemeiner Gesundheitszustand?
- 2008-2013 Wie ist Ihre Gesundheit im Allgemeinen?
- 2014-2020, 2022-2024 Wie ist Ihre Gesundheit im Allgemeinen? Ist sie …
- 2021 Wie ist Ihre Gesundheit im Allgemeinen? Ist sie… (Erläuterung: Gefragt ist nach dem allgemeinen, nicht nach dem momentanen Gesundheitszustand.)
Antwortkategorien jeweils: Sehr gut (1), Gut (2), Mittelmäßig (3), Schlecht (4), Sehr schlecht (5)
Fragebögen: https://www.gesis.org/en/missy/materials/EU-SILC/documents/questionnaires
Die folgende Grafik zeigt die Veränderung des subjektiven Gesundheitszustandes nach Altersgruppe, wobei zum einen sichtbar wird, wie die Anteile der Angaben mit gutem Gesundheitszustand mit steigendem Alter sinken bzw. die Anteile mit (sehr) schlechtem Gesundheitszustand steigen. Bei der Bevölkerung im Alter 65+ zeigt sich dabei eine Verbesserung des subjektiv wahrgenommene Gesundheitzustands seit 2003, v.a. bei Personen im Alter von 70 bis 79 Jahren und speziell bei Frauen. Der Anteil von Frauen im Alter von 70-74 Jahren in gutem oder sehr gutem Gesundheitszustand stieg von etwa 31% (2003) auf über 54% (2024) und auch der Anteil von Frauen im Alter von 75-79 Jahren mit (sehr) gutem Gesundheitszustand hat sich näherungsweise verdoppelt, von 21% (2003) auf 44% (2024). Bei den 70-74-jährigen Männern liegt der Anteil mit (sehr) guter Gesundheit bei etwa 47% (2024), d.h. in dieser Altersgruppe geben Frauen im Schnitt einen besseren Gesundheitszustand an, als die Männer. Und ebenso zeigen die Daten, wie sich in der Altersgruppe 80+ der Anteil von Personen mit (sehr) schlechtem Gesundheitszustand in den letzten 2 Jahrzehnten sukzessive verringert hat, und der Anteil von Personen in (sehr) gutem Gesundheitszustand in dieser Altersgruppe zugenommen hat. Der subjektive Gesundheitszustand hat sich also speziell bei der älteren Bevölkerung verbessert, während er für die Gesamtbevölkerung stabil ist, oder stagniert.
3.2 Chronische Erkrankungen
Chronische Erkrankungen spielen im höheren Alter oft eine entscheidende, oft, aber nicht immer einschränkende Rolle (Dorner 2025: 82). Die folgenden Grafiken veranschaulichen den Anteil von Personen mit chronischen Erkrankungen im Zeitverlauf. Dabei ist, speziell auch bei dem sichtbaren Anstieg zwischen den Jahren 2007 und 2008 zu berücksichtigen, dass die Fragestellungen im Laufe der Erhebungen verändert wurde und “dauerhafte gesundheitliche Probleme” in die Fragestellung aufgenommen wurden. Ab etwa 2008 verbleibt der Anteil von Personen mit chronischer Erkrankung in der Gesamtbevölkerung stabil bei etwas über einem Drittel (2024: Männer 34,4%, Frauen 37,7%).
Die Fragestellung zu chronischen Krankheiten wurde über die bisherige Laufzeit des EU-SILC verändert, v.a. durch Hinzunahme von gesundheitlichen Problemen (ab 2008) in die Frage (“oder ein chronisches, also dauerhaftes gesundheitliches Problem”), sowie durch die Veränderung der Erläuterungen zu den Fragestellungen.
- 2003-2007 Haben Sie eine chronische Krankheit?
- 2008-2013 Haben Sie eine chronische, also dauerhafte Krankheit oder ein chronisches, also dauerhaftes gesundheitliches Problem?
- 2014-2020 Haben Sie eine dauerhafte Krankheit oder ein chronisches Gesundheitsproblem? (Damit gemeint sind Krankheiten oder gesundheitliche Probleme, die 6 Monate andauern oder voraussichtlich andauern werden.) (Erläuterung: Vorübergehende gesundheitliche Probleme sind nicht von Interesse. Angegeben werden sollen auch Krankheiten oder Probleme, die zurzeit nicht beeinträchtigen wie z.B. chronische Kopfschmerzen oder Allergien oder die durch Medikation gut kontrolliert werden können, wie z.B. Bluthochdruck. Es ist auch nicht wichtig, ob das Gesundheitsproblem von einem Arzt/einer Ärztin diagnostiziert wurde oder nicht.)
- 2021 Haben Sie eine dauerhafte Krankheit oder ein chronisches Gesundheitsproblem? (Erläuterung: Damit gemeint sind Krankheiten oder gesundheitliche Probleme, die 6 Monate andauern oder voraussichtlich andauern werden.)
- 2022 Haben Sie eine dauerhafte Krankheit oder ein chronisches Gesundheitsproblem? (Damit gemeint sind Krankheiten oder gesundheitliche Probleme, die 6 Monate andauern oder voraussichtlich andauern werden.) (Erläuterung: Vorübergehende gesundheitliche Probleme sind nicht von Interesse. Angegeben werden sollen auch Krankheiten oder Probleme, die zurzeit nicht beeinträchtigen wie z.B. chronische Kopfschmerzen oder Allergien oder die durch Medikation gut kontrolliert werden können, wie z.B. Bluthochdruck. Es ist auch nicht wichtig, ob das Gesundheitsproblem von einem Arzt/einer Ärztin diagnostiziert wurde oder nicht.)
- 2023-2024 Haben Sie eine chronische Krankheit oder ein lang andauerndes gesundheitliches Problem? Damit gemeint sind Krankheiten oder gesundheitliche Probleme, die 6 Monate andauern oder voraussichtlich andauern werden.
Antwortkategorien jeweils: Ja (1), Nein (2)
Fragebögen: https://www.gesis.org/en/missy/materials/EU-SILC/documents/questionnaires
Betrachtet nach Altersgruppe ist erkennbar, wie der Anteils von Personen mit chronischen Erkrankungen mit steigendem Alter zunimmt. In der Altersgruppe der 65-69-Jährigen liegt dieser Anteil noch unter 50%, ab der Altersgruppe 70-74 Jahre überwiegen die Personen mit chronischer Erkrankung und etwa 54% der Männer und 51% der Frauen geben 2024 solche chronischen Erkrankungen und andere dauerhafte gesundheitliche Probleme an.
3.3 Einschränkungen im Alltag
Die dritte, im Rahmen des Minimum European Health Modules (MEHM) erhobene Frage zum Gesundheitszustand ist jene nach etwaigen, dem Gesundheitszustand geschuldeten längerfristigen (zumindest 6 Monate andauernden) Einschränkungen im Alltag. Etwa 30% der befragten Männer und Frauen geben an “etwas” oder “stark” eingeschränkt zu sein. Die Antworten spiegeln zum einen den Gesundheitszustand wider, aber auch die im Alltag wahrgenommenen Einschränkungen und Barrieren. Die Frage wurde im Laufe der Zeit verändert, was speziell die Vergleichbarkeit mit den frühen Erhebungen (bis 2007) einschränkt – erkennbar ist etwa die Veränderung von 2020 auf 2021, die mit einer Veränderung des Fragebogens einherging.
Die Fragestellung zu gesundheitlichen Einschränkungen wurde über die bisherige Laufzeit des EU-SILC verändert. Veränderung der Fragestellung von “Beinträchtigung” auf “Einschränkung”, sowie von der “Verrichtung alltäglicher Arbeiten” auf “Tätigkeiten des normalen Alltagslebens” (ab 2008). Die Antwortkategorien wurde später geringfügig geändert (“Ja, stark eingeschränkt” auf “stark eingeschränkt”). Weiters wurde die Frage bei den Erhebungen 2021, 2023 und 2024 aufgeteilt, um die 1) die Einschränkung zu erfragen, und 2) die Dauer dieser Einschränkung (>6 Monate).
- 2003-2007 Sind Sie seit zumindest einem halben Jahr durch eine Behinderung oder eine sonstige gesundheitliche Beeinträchtigung bei der Verrichtung alltäglicher Arbeiten beeinträchtigt? [Ja, stark beeinträchtigt (1), Ja, ein wenig beeinträchtigt (2), Nein, nicht beeinträchtigt (3)]
- 2008 - 2013 Sind Sie seit zumindest einem halben Jahr durch ein gesundheitliches Problem bei Tätigkeiten des normalen Alltagslebens eingeschränkt? [Ja, stark eingeschränkt (1), Ja, etwas eingeschränkt (2), Nein, nicht eingeschränkt (3)
- 2014 - 2020, 2022 Wie sehr sind Sie seit zumindest einem halben Jahr durch ein gesundheitliches Problem bei Tätigkeiten des normalen Alltagslebens eingeschränkt? Würden Sie sagen, Sie sind… [stark eingeschränkt (1), etwas eingeschränkt (2), nicht eingeschränkt (3)]
- 2021, 2023-2024 Zweiteilung der Frage nach Einschränkung und Dauer der Einschränkung:
- Frage 1) Sind Sie seit durch ein gesundheitliches Problem bei Tätigkeiten des normalen Alltagslebens eingeschränkt? Würden Sie sagen, Sie sind… [stark eingeschränkt (1), etwas eingeschränkt (2), nicht eingeschränkt (3)]
- Wenn Antwort auf Frage 1 ist (1) od. (2), dann Frage 2) Sind Sie seit zumindest einem halben Jahr eingeschränkt? [Ja (1), Nein (2)]
Fragebögen: https://www.gesis.org/en/missy/materials/EU-SILC/documents/questionnaires
Die steigenden Einschränkungen im Alltag zeigt die folgende Darstellung nach Altersgruppe, wobei hier auch erkennbar ist, dass der Anteil von Personen mit Einschränkungen von der Altersgruppe der 65-69-Jährigen nur langsam ansteigt und ab der Altersgruppe 75-79-Jährigen schließlich mehr als die Hälfte der Frauen und Männer in dieser Altersgruppe solche Einschränkungen angeben (2024: Männer 51,5%, Frauen 54,1%).
4 Wie hat sich die Lebenserwartung in Gesundheit entwickelt und gibt es Hinweise auf eine Kompression der Morbidität?
Die bisherige Darstellung hat gezeigt, wie sich die durchschnittliche Lebenserwartung und der Gesundheitszustand der österreichischen Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben. Für die Berechnung der Lebenserwartung in Gesundheit werden diese Informationen verknüpft.
Die Lebenserwartung in Gesundheit ist der Anteil der Lebensjahre, die im Durchschnitt in Gesundheit verbracht werden können (gesunde Lebensjahre oder healthy life years HLY) und die eine Person in einem bestimmten Alter (z.B. mit 0 Jahren, also bei Geburt, oder mit 65 Jahren) voraussichtlich in guter Gesundheit verbringen wird, bzw. auch ohne Beeinträchtigung durch chronische Erkrankungen oder gesundheitliche Einschränkungen im Alltag.
Bei der Berechnung der Lebenserwartung in Gesundheit wird die mittlere Lebenserwartung in einem bestimmten Zeitraum berücksichtigt (z.B. für das Kalenderjahr 2024), sowie auch der in diesem Zeitraum gegebene altersspezifische Gesundheitszustand. Die statistischen Informationen zur generellen durchschnittlichen Lebenserwartung stammen aus den jährlichen Sterbetafeln der offiziellen Statistik (Statistik Austria). Die Daten zum Gesundheitszustand der Bevölkerung nach Alter basieren auf Befragungsdaten zu subjektiver Gesundheit, chronischen Erkrankungen oder Einschränkungen im Alltag, mit denen die altersspezifische Prävalenz dieser Merkmale ermittelt werden kann, also jener Anteil der Bevölkerung die in einem bestimmten Alter von schlechter Gesundheit, chronischen Erkrankungen oder gesundheitlichen Einschränkungen betroffen ist. Aus diesen beiden Größen lässt sich die Lebenserwartung in Gesundheit berechnen.
Die Lebenserwartung in Gesundheit wird nach der sog. Sullivan Methode (nach Sullivan 1971) geschätzt. Aus den amtlichen Sterbetafeln wird die Überlebenswahrscheinlichkeit für die einzelnen Altersjahre entnommen, die Daten zum Gesundheitszustand stammen der Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC).
Für die gesunde Lebenserwartung wird für jedes Konzept von “Gesundheit” eine zweistufige (dichotomen) Variable gebildet, die anzeigt, ob eine Person bei sehr guter oder guter subjektiver Gesundheit ist, eine chronische Erkrankung oder ein sonstiges dauerhaftes gesundheitliches Problem vorliegt oder ob eine Person durch gesundheitliche Probleme im Alltag eingeschränkt ist (oder nicht) und mit der der alterspezifische Anteil der betroffenen (bzw. nicht betroffenen Bevölkerung berechnet werden kann).
Mit diesen dichotomisierten Variablen wird jeweils der Anteil der nach dieser Definition gesunden Personen in 5-jährigen Altersgruppen berechnet, und dieser Anteil mit den (Überlebens-)Wahrscheinlichkeiten aus der Sterbetafel verknüpft. Es wird dabei also die Wahrscheinlichkeit Altersjahre zu erleben mit der Wahrscheinlichkeit für einen bestimmten Gesundheitszustand verknüpft, um so statt der generellen Lebenserwartung, die Lebenserwartung in Gesundheit zu ermitteln.
(Anm.: In EU-SILC wurde der Gesundheitszustand für alle Personen ab 16 Jahren erhoben. Für die Berechnung der Lebenserwartung in Gesundheit wurde für alle bis 15-jährigen Personen in den Haushalten ein sehr guter Gesundheitszustand, sowie das Nichtvorhandensein chronischer Erkrankungen oder gesundheitlicher Einschränkungen angenommen.)
Kompression oder Expansion der Morbidität?
Im folgenden Abschnitt soll die Entwicklung der Lebenserwartung mit der Entwicklung der Lebenserwartung in Gesundheit dargestellt und verglichen werden, um zu untersuchen, ob der Anstieg der Lebenserwartung mit einem gleichmäßigen oder auch überproportionalen Anstieg der Lebenserwartung in Gesundheit einhergeht, die Menschen im Mittel nicht nur älter werden, sondern auch länger gesund bleiben. Wäre dies der Fall, dann würde der Anteil der gesunden Lebensjahre an der gesamten Lebenserwartung steigen – es käme zur sog. Kompression der Morbidität (Fries 1980, 1983).
Eine Kompression der Morbidität liegt vor, wenn a) die Anzahl der gesunden Lebensjahre steigt (absolute Kompression) oder b) der Anteil der gesunden Lebensjahre an der gesamten Lebenserwartung zunimmt (relative Kompression). Kommt es hingegen zu einer absoluten oder relativen Verringerung der gesunden Lebensjahre (und einem entsprechenden Anstieg der Anzahl der Jahre in Krankheit), wird von einer Expansion der Morbidität gesprochen.
Ob es zu einer Kompression (oder Expansion) der Morbidität kommt, ist für die Politik im Bereich von Gesundheit und Pflege von entscheidender Bedeutung, speziell auch angesichts des demographischen Wandels und der steigenden Anzahl von älteren und hochaltrigen Personen in der Bevölkerung und der nötigen Einschätzung des zukünftigen Pflegebedarfs (Doblhammer & Kytir, 1997). Bei gegebener Kompression der Morbidität, würde der potenziell durch die steigende Anzahl hochaltriger Personen erhöhte Pflegebedarf durch die Verringerung des Anteils von Personen mit Pflegebedarf, sowie die durchschnittliche Dauer des Pflegebedarfs auch bei steigender Lebenserwartung gleich bleiben (oder sinken). Im Gegensatz bedeutet eine Expansion der Morbidität, dass die Menschen nicht nur älter werden, sondern auch länger pflegebedürftig sind und es damit gesamtgesellschaftlich zu einer starken Erhöhung der Anzahl an pflegebedürftigen Menschen käme.
Subjektive Gesundheit, Chronische Erkrankung oder gesundheitliche Einschränkungen?
Zur Berechnung der Lebenserwartung in Gesundheit wird zumeist der subjektive Gesundheitszustand herangezogen. Hier wird zur Ermittlung der gesunden Lebensjahre nach den drei oben genannten und in der EU-SILC Erhebung operationalisierten Konzepten von Gesundheit unterschieden und die entsprechenden errechneten Lebensjahre und deren Entwicklung über die Zeit verglichen. Gesunde Lebensjahre sind je nach Definition, Lebensjahre …
- bei (sehr) guter subjektiver Gesundheit
- ohne chronische Erkrankung oder andere dauerhafte gesundheitliche Probleme
- ohne gesundheitliche Einschränkungen im Alltag
Dargestellt wird die fernere Lebenserwartung in Gesundheit im Alter von 65 Jahren, also die Anzahl von Lebensjahren, die 65-Jährige Personen gegeben die Sterblichkeit und den Gesundheitszustands der Bevölkerung zu erwarten hätten.
4.1 Lebensjahre bei (sehr) guter subjektiver Gesundheit
Die zu erwartenden Lebensjahre bei (sehr) guter subjektiver Gesundheit haben für 65-Jährige Personen absolut und auch in Relation zur Lebenserwartung zugenommen. Speziell bei Frauen zeigt sich ein überproportionaler Anstieg der Lebensjahre in Gesundheit daran, dass der Abstand zwischen den beiden Linien im Zeitverlauf geringer wird, und damit der Anteil der gesunden Lebensjahre an der ferneren Lebenserwartung steigt (und der Anteil der Lebensjahre in Krankheit entsprechend abnimmt). Bei Männern stieg die weitere Lebenserwartung von 2003 bis 2024 von 16,4 auf 18,8 Jahre und die Anzahl der gesunden Lebensjahre von 6,0 auf 8,9 Jahre, dies entspricht einem Anstieg des Anteils gesunder Lebensjahre von 37% auf 48%. Bei den Frauen stieg die weitere Lebenserwartung im selben Zeitraum von 19,8 auf 21,7 Jahre, die Anzahl der gesunden Lebensjahre von 5,7 auf 9,7 Jahre und der relative Anteil damit von 29% auf 45%. Für beide Geschlechter ist eine absoluter als auch ein relativer Anstieg der gesunden Lebensjahre erkennbar und damit eine Kompression der Morbidität und ein steigender Trend.
4.2 Lebensjahre ohne chronische Erkrankungen und gesundheitliche Probleme
Bei der Entwicklung der Lebensjahre ohne chronische Erkrankung fällt zunächst die sprunghafte Verringerung von 2007 auf 2008 auf, wobei die Veränderung der Fragestellung ab 2008 zu berücksichtigen ist, bei der die ursprüngliche Frage nach chronischen Erkrankungen um gesundheitliche Probleme erweitert wurde.2
2 Die Fragestellung “Haben Sie eine chronische Krankheit?” wurde 2008 auf “Haben Sie eine chronische, also dauerhafte Krankheit oder ein chronisches, also dauerhaftes gesundheitliches Problem?” verändert (Details zu diesen und weiteren Veränderungen der Fragestellungen s.o.).
Wird als Start der Zeitreihe das Jahr 2008 gewählt, so zeigt sich für Männer und Frauen im Alter von 65 Jahren ein leichter Anstieg der Lebensjahre ohne chronische Erkrankung bis 2024, bei Männern von 7,3 auf 8,4 Jahre und bei Frauen von 8,2 auf 9,0 Jahre, dies entspricht einer Veränderung des relativen Anteils der gesunden Lebensjahre an der weiteren Lebenserwartung ab 65 Jahren von 42% auf 45% bei Männern und 39% auf 42% bei Frauen.
Die Veränderung bei den Lebensjahren ohne chronische Erkrankung ist damit weit geringer als bei den Lebensjahren in guter Gesundheit, aber es kann auch hier auf eine geringfügige Tendenz zu Kompression der Morbidität geschlossen werden, oder zumindest eine Parallelentwicklung zum Anstieg der Lebenserwartung.
4.3 Lebensjahre ohne gesundheitliche Einschränkungen
Die Anzahl der Lebensjahre ohne gesundheitliche Einschränkungen im Alltag für 65-Jährige zeigt seit 2003 mit Unterbrechungen eine steigende Tendenz, etwa im Ausmaß des Anstieges der Lebenserwartung. Von 2003 bis 2024 stieg die Anzahl solcher Lebensjahre bei Männern von 6,8 auf 9,2 Jahre und bei Frauen von 6,9 auf 9,3 Jahre, dies entspricht einem Anstieg des Anteils der gesunden Lebensjahre an der gesamten Lebenserwartung bei Männern von 42 auf 49% und bei Frauen von 35 auf 43%.
Dieser Anstieg lässt sich aber auch zu einem Teil mit der Veränderung der Fragestellung ab 2021 begründen, v.a. erkennbar am sprunghaften Anstieg 2021. Der Anstieg 2003 bis 2020, also von Beginn der Zeitreihe bis vor der beschriebenen Veränderung der Fragestellung lag bei Männern 6,8 auf 7,9 Jahre und bei Frauen von 6,9 bis 8,2 Jahre und bedeutet einen geringfügigen Anstieg des Anteils der Lebensjahre ohne Einschränkungen im Alltag an der weiteren Lebenserwartung von 42% auf 44% (Männer) und 35% auf 39% (Frauen).
Es zeigt sich also auch den Lebensjahren ohne Einschränkungen im Alltag und dem Anteil dieser an der ferneren Lebenserwartung der 65-Jährigen über die vergangenen zwei Jahrzehnte eine geringfügige Tendenz zur Kompression der Morbidität.
5 Fazit
Die Lebenserwartung der österreichischen Bevölkerung hat in den vergangenen Jahrzehnten erheblich zugenommen, bei Männern und Frauen, und sowohl bei Geburt, als auch die fernere Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren.
Der Gesundheitszustand der österreichischen Bevölkerung blieb über die vergangenen zwei Jahrzehnte insgesamt stabil, bei der subjektiven Gesundheit mit einem Höchstwert im Jahr 2020 und einem leichten Abwärtstrend seit 2021. Bei der altersspezifischen subjektiven Gesundheit zeigt sich eine Verbesserung des Gesundheitszustandes bei der Bevölkerung im Alter ab 65 Jahren und im Speziellen bei den 70 bis 79-Jährigen.
Diese Verbesserung des Gesundheitszustandes im Alter schlägt sich auch in einer Erhöhung der Lebensjahre in Gesundheit nieder, v.a. bei den Lebensjahren in subjektiv (sehr) guter Gesundheit, die bei Männern, aber im Speziellen für Frauen angestiegen sind und auf eine Tendenz zur Kompression der Morbidiät hinweisen, also einen Anstieg der gesunden Lebensjahre proportional oder überproportional zum Anstieg der generellen Lebenserwartung und eine entsprechende Verkürzung der Lebensjahre bei weniger als guter subjektiver Gesundheit.
Es zeigen sich weiters auch Veränderungen bei den Lebensjahren ohne chronische Erkrankung und ohne gesundheitliche Einschränkungen im Alltag, aber diese fallen geringer aus als bei der subjektiven Gesundheit, sind aber ebenfalls positiv, d.h. mit einem absoluten, wie auch relativen Anstieg der so definierten Lebensjahre in Gesundheit an der gesamten Lebenserwartung und entsprechend auch mit einer Tendenz zur Kompression der Morbidität.
Festzuhalten ist, dass bei keiner der drei Konzepte gesunder Lebenserwartung eine Expansion der Morbidität beobachtbar ist, also keine Stagnation oder ein Rückgang gesunden Lebenserwartung im Vergleich zur generellen mittleren Lebenserwartung.
Unter der Annahme einer weiteren Zunahme der gesunden Lebensjahre auch bei Abflachung des Anstiegs der mittleren Lebenserwartung, könnte die Kompression der Morbidität die Auswirkungen der demographischen Alterung auf den Gesundheits- und Pflegebereich zumindest teilweise kompensieren – gegeben dass ein steigender Anteil der älteren und hochaltrigen Bevölkerung auch im hohen Alter noch bei guter Gesundheit ist und die Wahrscheinlichkeit und Dauer von Krankheit und Pflegebedürftigkeit in dieser Lebensphase weiter abnimmt.3
3 Siehe dazu auch den Befund von Doblhammer und Kytir (1997) auf Basis der Daten von 1978 bis 1998.
6 Literatur
- Doblhammer, G., & Kytir, J. (1997). „Kompression” oder „Expansion” der Morbidität? Trends in der Lebenserwartung älterer Menschen in guter Gesundheit 1978 bis 1998. Demographische Informationen, 71–79. http://www.jstor.org/stable/23026730
- Dorner, Thomas (2026) Gesundheitsförderung und Gesundheitssituation in: Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) (Hg.) Bundesplan für Seniorinnen und Senioren 2025
- Fries J. F. (1980). Aging, natural death, and the compression of morbidity. 1980. Bulletin of the World Health Organization, 80(3), 245–250. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2567746
- Fries, J. F. (1983). The Compression of Morbidity. The Milbank Memorial Fund Quarterly. Health and Society, 61(3), 397–419. https://doi.org/10.2307/3349864
- Fries, J. F., Bruce, B., & Chakravarty, E. (2011). Compression of morbidity 1980-2011: a focused review of paradigms and progress. Journal of aging research, 2011, 261702. https://doi.org/10.4061/2011/261702
- Sullivan, D. F. (1971). A Single Index of Mortality and Morbidity. HSMHA Health Reports, 86(4), 347. https://doi.org/10.2307/4594169